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MODELS

Große skulpturale Architekturmonumente gruppieren sich zu einer raumgreifenden Platzsituation. Monumentale dreidimensionale Silhouetten aus einfacher Pappe filigran ausgeschnitten und gruppiert, als wären sie in ihrer Bewegung soeben erstarrt.
Die Gebäude sind aus ihrem Kontext herausgelöst, aus der Verortung und aus dem städtischen Kontext, aber auch aus der unmittelbaren Umgebung. Strassenraum, Vorgarten oder zufällige Passanten erscheinen nur mehr als kleine, negative Silhouetten am unteren und seitlichen Rand der Objekte. Der Ausstellungsraum dient als neuer Umgebungsraum, Besucher und Betrachter als neue Passanten. Es bilden sich Licht- und Schatteneffekte im Raum, die zur Plastizität der Skulpturengruppe beitragen. Kleine filigrane Kuppelchen oder monumentale Baukörper von Hochhaustuermen– auf ihre Silhouette reduziert und aus dem Maßstab genommen ergeben sich fuer das Auge des Betrachters irritierende Einblicke in einen Stadt- oder Buehnenraum. Die Stadt als Buehne...?
Architektur im Theater, Architektur als Theater- spätestens seit der Renaissance hat man Architekturkulissen gebaut, reale Architektur nachgebaut oder phantasievolle Idealentwuerfe entstehen lassen. Auf der Buehne als Hintergrund, als Szenerie fuer die eigentliche Handlung,
auf der Strasse und auf den Plätzen des barocken Rom um einen feierlichen Rahmen fuer pompöse weltliche wie religiöse Festzuege zu bieten.
Doch Miriam Steinhausers Architektur spielt die Hauptrolle. Sie manifestiert ihre Form und ist selbstbewusst in die Mitte der Buehne gerueckt. Aber welche Rolle spielt sie?
Die Models sind Teil einer komplexen Werkgruppe. Die visuelle Grundlage bildet die Arbeit Inventory / Bestandsaufnahme, eine umfangreiche Recherche zu den Firmensitzen der hundert größten, potentesten Unternehmen der Welt. Miriam Steinhauser reist um die Welt um, im wahrsten Sinne des Wortes, ein ’Bild’ von den Firmensitzen zu bekommen. Zunächst eine Sammlung von Fotos, dann schliesst sich ein Bearbeiten und die kuenstlerische Umsetzung auf der Basis des umfangreichen Materials an. Mit den Models entsteht ein neues, eigenständiges Werk. Die ehemals zweidimensionalen Silhouetten der Bauten bekommen eine neue, eigenständige Plastizität, indem sie, aus Stabilitätsgruenden leicht gebogen, den Ausstellungsraum zu einem begehbaren Buehnenraum transformieren.
Somit sind die Models als eine dreidimensionale Weiterfuehrung der Cut-Outs zu betrachten, die in ihrer bestechenden Monumentalität den Schein der Potenz und der Macht repräsentieren. Gleichsam unter sich, obwohl doch eigentlich ueber die ganze Welt verteilt, sind die mächtigsten Unternehmen eng zusammengerueckt und kommunizieren in ihrer eigenen Formensprache.

DR. SONJA MUELLER, FRANKFURT 2007